Presseberichte

Cellesche Zeitung

21. Mai 2005

Blutjunge Anfänger - und trotzdem Pioniere auf See

In Wietze werden Erinnerungen an die Zeit unter Wasser wach

Alle zwei Jahre treffen sich die Besatzungsmitglieder des U-Boots „Hai" -  sein Untergang gilt als das größte Marine-Unglück nach 1945

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Cellesche Zeitung

WIETZE (mkl). Einer auf der „Hai" zu sein - das war was in den 50ern und 60ern. Das Ausbildungsboot „Hai" war als erstes U-Boot der Bundesmarine am 15. August 1957 wieder in Dienst gestellt worden. Und die, die darauf fahren konnten, waren zwar zum großen Teil blutige Anfänger - aber dennoch Pioniere der See. Am Ende dieser Woche werden jede Menge Erinnerungen aufgefrischt sein. Denn zur Zeit sind knapp 30 Hai- Veteranen, Maats und Smuts, Admiräle und Kommandanten a.D. aus ganz Deutschland für drei Tage zu Besuch in Wietze.

Sie sind stolz, dabei gewesen zu sein. Da guckte man auch darüber hinweg, dass die Verhältnisse unter der Meeresoberfläche nicht nur sehr eng, sondern auch sehr gewöhnungsbedürftig waren. „Heute frage ich mich manchmal, wie ich das ausgehalten habe", sagt Ingo Sens aus Wietze. Auch wenn er nach sechs Jahren bei der Marine wieder ins zivile Leben zurückgekehrt ist - die Zeit mit dem U-Boot Hai und vor allem mit seiner Besatzung wird er nie vergessen.

So wie die vielen kleinen und großen Geschichten rund um das Leben im U-Boot. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Duftwasser „Kolibri", mit dem die jungen Männer nach zwei Wochen ohne Dusche den Bootsmief zu überdecken versuchten.
Oder der Kuchenteig, der vor der Backform erst einmal auf dem Boden landete.

Aber mit Peter Silbernagel, der von Sylt kommt, reist auch ein trauriges Stück Hai-Geschichte mit an: Er ist der Einzige, der den Untergang des U-Boots am 14. September 1966  überlebte - das größte deutsche Marine-Unglück der Nachkriegszeit. „Die Frage, wie das passieren konnte, taucht bei jedem Treffen wieder auf, sagt Ingo Sens, „aber die schönen Momente und Geschichten überwiegen."

Alle zwei Jahre treffen sich die U-Hai-Besatzungsmitglieder irgendwo in Deutschland. Und jedes Jahr kommen Neue hinzu - die jüngeren sind Mitte 50, die Ältesten über 80 Jahre alt. Ein paar „Verschollene" gibt es noch - seit Jahren ist Siegi Mainusch aus Kronshagen dabei, sie ausfindig zu machen. „Gut 20 fehlen mir noch", sagt er. Aber bestimmt werden sie bald auftauchen.

Marinezeitung "LEINEN LOS !"

Nummer 10/1960

Die Kriegsschiffsnamen der Bundes-Marine und ihrer Vorgänger

Unterseeboot "Hai"

Von Albert Röhr

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Marinebundes

Mit dem Stapellauf dieses U-Bootes tauchte der Name „Hai" zum sechsten Male in unserer Marinegeschichte auf. Der erste Namensträger, das Dampfkanonenboot II. Kl. "Hay", wurde 1859 als Schwesterschiff der „Wespe" (siehe „Leinen los!" Nr. 7/1957) bet J. W. Klawitter in Danzig auf Stapel gelegt and im Frühjahr des nächsten Jahren erstmalig in Dienst gestellt. Während des zweiten Krieges um Schleswig-Holstein gehörte das Boot zur I. Division der Kanonenbootsflottille and nahm unter Oberleutnant z. S. Jung an dem Seegefecht bei Jasmund am 17. März 1864 teil. Wahrend des Krieges 1870/71 gehörte S.M.S. "Hay" zur Verteidigung der VVeser-117undung. Danach wurde es nur kurzzeitig in Dienst gehalten, am 7. September 1880 aus der Liste der Kriegsschiffe gestrichen and schließlich als Inventarienprahm aufgebraucht.

Im gleichen Jahre lief auf der Kaiserlichen Werft Danzig ein hölzernes, mit einem Schornstein and einem Mast versehenes Kanonenboot von Stapel, das nun den Namen "Hay" erhielt. Es war rund 40 Tonnen kleiner als sein Namensvorgänger, wies etwa die gleiche Geschwindigkeit auf and erhielt als Bewaffnung je 4 Geschütze 3,7 and 8,7 cm. Nach der Indienststellung am 15. Juni 1882 wurde es dem Artillerie-Schulschiff "Mars" als Tender zugeteilt and in der Hauptsache zum Scheibenschleppen verwendet. 1891 erhielt SMS "Hay" als neue Bewaffnung 2 Schnellladekanonen 8,8 cm, Am 28. September 1906 aus der Liste der Kriegsschiffe gestrichen, wurde es als Scheibenprahm in Friedrichsort auf- gebraucht.

Den dritten "Hay" haute 1906/07 die Werft G. Seebeck in Geestemünde als Tender, and zwar aus Stahl. Er war 670 t grol3, 42,9 m lang, 9 m breit and besaß einen Tiefgang von 3,47 m. Die Geschwindigkeit betrug 12,5 kn.

Als Armierung erhielt das Schiff  wechselnd 4 his 8 Schnellladekanonen 5,2, 8,8 and 10,5 cm. Es stellte erstmalig am 10. 12. 1907 in Dienst, diente aber nicht nur als Tender, sondern auch als Artillerieschulschiff. Be! Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde SMS "Hay" der Hafenflottille Jade/Weser zugeteilt, also im Vorpostendienst eingesetzt. Die Reichsmarine verwendete das Schiff von 1920 his zum 4. Oktober 1932 als Artillerieschulschiff.

Das nächste Schiff dieses Namens gehörte als "F 3" ursprünglich zu den "Flottenbegleitern" (2 Schornsteine, 2 Masten), die 1935/37 auf der Germaniawerft Kiel gebaut wurden, Die Konstruktion erwies sich in der Praxis als nicht sehr zweckmäßig. Es wurde 1938/39 nach einem Umbau (Verlängerung am Bug) als Flottentender verwendet, erhielt zunächst den Namen "Königin Luise", ab 1939 den Namen "Hai". Größe 600 t, Geschwindigkeit 28 kn, Lange 73 m, Breite 8,8 m, Tiefgang 1,8 m, Bewaffnung 2 Geschütze 10,5 cm, je 4 Flakgeschütze 2 cm und 3,7 cm.  Während des zweiten Weltkrieges diente "Hai" als Führerboot des F. d. M. Ost und geleitete in dieser Eigenschaft u.a. die Flotte zur Norwegen-Unternehmung durch die Sperren im Großen Belt und Kattegatt. Am 3. Mai 1945 sank es nach Fliegerbombentreffern in der Kieler Bucht, wurde 1948 gehoben und abgewrackt.

Zum fünften Male erschien der Name "Hai" für ein während des zweiten Weltkrieges auf der AG Weser in Bremen gebautes Kleinst-U-Boot von 5 cbm Rauminhalt, 8 m Länge, 0,53 m Breite, 20 kn Geschwindigkeit, 1 Mann Besatzung. Die Torpedos waren unter dem Boot befestigt. Ursprünglich sollte es seine Funktion durch Selbstsprengung erfüllen. Es blieb das einzige Boot dieses Typs. Sein Schicksal ist dem Verfasser bisher nicht bekannt geworden.

Anmerkung: Die Namen von Troßschiffen sind nicht berücksichtigt

Süddeutsche Zeitung

1958

Auf Tauchfahrt mit dem U-Boot "Hai"

Katz- und Maus-Spiel zwischen Zerstörer und Unterseeboot der Bundesmarine in der Ostsee

Von Josef Schmidt

Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content

Tauchquadrat Eckernförde
UNTERSEEBOOT "HAI" auf der Fahrt ins Tauchquadrat bei Eckernförde. Photo: Viola Hauschild

An Bord von U-Boot „Hai", im Dezember Kommandant Voß hält im letzten Moment die Photoreporterin von der Landebrücke zurück, nimmt einem Matrosen die Pudelmütze vom Kopf and stülpt sie dem Mädchen über die blonden Locken. „So gelten Sie als Mann, eine Hose haben Sie sowieso an", sagt der Kapitänleutnant und läßt das Mädchen nun in den Turm des U-Bootes „Hai" klettern. Wie das Boot, hat die Bundesmarine von der verflossenen Kriegsmarine den Aberglauben übernommen, daß Frauen auf einem U-Boot Unglück bringen. Das Unheil kann aber, wie das Exempel zeigt, durch eine Pudelmütze gebannt werden, and die strahlenden Mienen der U-Boot-Männer, die der jungen Photoreporterin auf der Turmleiter galant behilflich Bind, beweisen, daß man über ein Unglück geteilter Meinung sein kann, besonders wenn es blond ist. Nebenan, auf dem Zerstörer „Z 1", der mit 2800 Tonnen das größte Kriegsschiff der Bundesmarine ist, gibt es den Aberglauben nicht; eine Mädchenklasse entert das Schiff siegessicher zwecks staatsbürgerlicher Erziehung. 

Der Aberglaube, daß Frauen (ohne Pudelmütze) Unglück bringen, herrscht demnach heute nun auf zwei bundesdeutschen Kriegsschiffen: auf den U-Booten „Hai" and „Hecht", den einzigen Fahrzeugen dieser Art, über die Bundesminister Strauß gebietet.
Sie sind, abgesehen von einigen Minenräumern, das einzige, was die Bundesmarine von der Kriegsmarine geerbt hat. Die beiden Boote waren bei Kriegsende von ihrer Besatzung in dänischen Gewässern versenkt worden. Das dabei ausfließende Öl legte um alles, was aus Metall war, einen Film. Als die Boote vor drei Jahren gehoben wurden, staunten die Fachleute nicht wenig: Salzwasser oder Rost hatten dem Material nichts anhaben können; selbst nageldünne Maschinenteile brauchten nicht ausgewechselt zu werden. Nur die Schalttafel am Elektromotor mußte ersetzt werden. 2,5 Millionen Mark kosteten das Heben und die Reparatur pro Schiff. Neu erstellt, so hat sich Kapitänleutnant Voß sagen lassen, würde ein solches Boot heute 18 Millionen Mark kosten. 

In den Annalen der Kriegsmarine standen diese Boote mit etwa 100 Stück, alle 1944 für den Seekrieg zwischen den norwegischen and englischen Gewässern gebaut, unter der Bezeichnung Typ XXIII zu Buch. Sie verdrängen aufgetaucht 230, unter Wasser 246 Tonnen, können bei einen Pirsch nur zwei Torpedos abfeuern and hatten, weil sie so klein waren, vielleicht die Chance „Meter zu machen" als die großen, rund 1600 Tonnen schweren Boote des Typs XXI, die jedoch nicht mehr zum Einsatz kamen.

Mit dem "Schleichmotor" aus der Gefahrenzone

Eine kalte Brise bläst aus Ost über die Kieler Förde, während die „Hai" in Richtung Eckernförde stampft, in gemessenem Abstand von Z 1 verfolgt. Dicht gedrängt stehen zwölf vermummte Männer in der schmalen Wanne, die den U-Boot-Turm krönt. Allen raucht auf Vorrat., denn sobald das Tauchquadrat Eckernförde, das Unterwasserrevier, erreicht ist, geht es in die Tiefe. Dann lebt das U-Boot von der „eigenen" Luft and Rauchen ist eine Todsünde. Nach anderthalb Stunden Fahrt ist es soweit. Voß ruft ins Megaphon: „Unterdeck klarmachen zum Tauchen." Nach einigen Sekunden tont es zurück: „Unterdeck klar zum Tauchen." Ein Mann nach dem andern verschwindet behende im Schacht; als letzter steigt Vöß in die Tide, schraubt hinter sich das Turmluk zu and fahrt das Sehrohr aus. Auf den Befehl „Fluten" schießt gurgelnd das Wasser in die Tauchzellen, an den Skalen der über das ganze Boot verteilten Tiefenmesser klettern die Zeiger langsam hock. Bei 11,5 Meter erstirbt das Gurgeln; jetzt beginnt das Katz- and Mausspiel zwischen Z 1 und ,,Hai". Der Zerstörer muß mit Horchgeräten das U-Boot orten.

Kommandant Voß beobachtet durch das Sehrohr den „Gegner" and manövriert das U-Boot aus der ,,Schußlinie" der Horchgeräte den Zerstörers. Dann wird um einige Meter tiefer getaucht and auf „Schleichmotor" umgeschaltet, einen kleinen Elektromotor, der das Boot mit zwei Seemeilen pro Stunde durch das Wasser  schleichen läßt. Der Leitende Ingenieur Totzek, aus Essen stammend and ebenfalls Kapitänleutnant aus dem letzten Krieg, erläutert: „Schweben ist meistens unmöglich, weil die Wasserdichte sich fortwahrend verändert." Aber: „Wenn wir schleichen, ist unser kleines Boot kaum zu fassen." Totzek dreht dabei am „Sonar-Gerät" , das, nach dem Prinzip des Echolots die Schraubengeräusche des Zerstörers auf einer braunschen Röhre optisch and in einem Lautsprecher akustisch festhält and durch die Intensität dem Fachmann Entfernung and Schiffsgröße verrat. Mit einem ähnlichen Gerat sucht der Zerstörer das U-Boot.

Im Turm hat der Kommandant einen weiteren Lautsprecher. Dreht er auf, ist neben dem groben Schraubengerausch das feine „Tü-Tü" zu hören, die„ vom Zerstörer in kurzen Zeitabständen ausgesandten Schallwellen, die vom U-Boot-Körper reflektiert werden and so den Standort verraten. Die „Tü-Tü"-Töne kommen plötzlich in längeren Intervallen. „Jetzt hat er uns", sagt Voß, „nun wird der genaue Standort ermittelt." Er benutzt die Zeit, um den Standort des Bootes zu verändern. Der Zerstörer muss von neuem suchen.

„Im Krieg", erzählt Voß, „haben uns die Engländer an der Nase herumgeführt. Sie haben in solchen Situationen die Intervalle nicht verlängert, sondern auf genaues Berechnen verzichtet und sich aufs Geratewohl herangepirscht. Noch scheußlicher war es, wenn uns zwei Zerstörer aufs Korn nahmen." Der Seufzer ab der verflixten Technik geht in die Mitteilung über, daß die U-Boot-Kapitäne des Ersten Weltkriegs noch nicht mit der Tücke der Schallwellentechnik rechnen mußten und daher das Sehrohr freizügiger handhaben konnten. Die Ortung durch Schallwellen- und Unterwasser- Radargerate (S-Geräte) wurde erst im Zweiten Weltkrieg akut. Das Sonargerät in seiner heutigen Vollendung ist ein Produkt der Nachkriegszeit.

Über ein Zuviel an Technik beschwert sich Obermaschinist Kuhn, gleichfalls alter U-Boot-Fahrer, nicht. Kuhns Revier ist das Achterschiff, mit dem Maschinenraum die Kraftquelle des Bootes. Mit Einzelheiten seiner Maschinen ist er nicht hundertprozentig zufrieden: „Alles ist auf Handbetrieb eingestellt, vor allem die Kupplungen", was freilich bei Störungen im Gefecht auch seine Vorteile hat.

Der Elektriker stammt aus Bayern

Die 19 Mann starke U-Boot-Besatzung -- drei Offiziere, zwei Oberfeldwebel, sieben Unteroffiziere, sieben Mannschaften -- kommt nicht nur von der Waterkant. „Die Rheinländer stellen sogar den größten Anteil", berichtet Kuhn. Sein „E-Gast"  (Elektriker) stammt aus dem Bayerischen Wald. Den „Spezi" Glaßner, 20 Jahre alt, hat es aus Altenstadt a. d. Waldnaab zur christlichen Seefahrt getrieben, „weil ich mal was anderes sehen wollte". Er ist, wie alle anderen, Freiwilliger und hat sich zunächst auf drei Jahre verpflichtet. An die beengten Verhältnisse im U-Boot hat er sich, wie er sagt, nach zwei  Wochen gewöhnt.

der Rudergänger
DER RUDERGÄNGER steuert den vom Kommandanten befohlenen Kurs. Photo: Viola Hauschild

In ihren dicken Pullovern, darüber das ölverkrustete Lederzeug, wirken die U-Boot-Männer wuchtiger als sonst Soldaten in diesem Alter. Trink- und Waschwasser ist rar. Vier Sauerstoffflaschen zu 150 Atü sind die Luftreserve; erst wenn das U-Boot 14 Stunden ununterbrochen unter Wasser war, wird Sauerstoff zugesetzt. Der Luft wegen, die manchmal dünn, manchmal, wenn es schief geht, dick werden kann, müssen U-Boot-Männer, wie Dr. Seemann, U-Boot-Arzt und Spezialist in Unterwasser- Physiologie, erläutert, gute Kreislaufverhältnisse haben. Sie sollen keine vergrößerten Mandeln, keine Verbiegung der Nasenscheidewand und kein dünnes Trommelfell haben.

Besonders wichtig ist wegen der Rettungsmethoden im Ernstfall „eine gute Lungenentlüftung". Während im U-Boot Maschinen und Geräte immer komplizierter werden, sind auf Grund der neuesten Forschungen die Rettungsmethoden einfacher and natürlicher geworden. Erst nach dem Krieg hatte man Zeit, wie Dr. Seemann erklärt, über diese Dinge nachzudenken, und dabei kam heraus, daß mindestens ebensoviele U-Boot-Männer ohne wie mit Rettungsgerät heil ans Tageslicht kamen. Das Rettungsgerät, "Tauchretter" genannt, ist ein um den Hals gelegter Gummischlauch, der den Auftrieb verstärkt und - aus einer Flasche - Sauerstoff für die Lunge liefert. Diesen Tauchretter sollen die U-Boot-Männer - theoretisch - stets um den Hals tragen, aber Dr. Seemann ist gar nicht bös, daß sie es nicht tun. Denn er will sie daran gewöhnen, in Zukunft sich auf den natürlichen Auftrieb zu verlassen. Zu diesem Zweck wird jeder U-Boot-Mann alle zwei Jahre nach England geschickt, wo er im „30-Meter-Topf" (einer mit Glas verkleideten 30 Meter tiefen Wassersäule) das natürliche Auftauchen lernt. Die vier Liter Luft, die der Kandidat am Fuß der Säule, den Druckverhältnissen in einem in 30 Meter Tiefe havarierten U-Boot entsprechend komprimiert, in seine Lungen pumpt, hatten an der Oberfläche ein Volumen von 16 Kubikmetern, wurden also die Lunge zerreißen. Der Kandidat muß daher bestrebt sein, beim Auftreiben soviel Luft wie möglich abzublasen, "und sie haben zu tun, daß sie das in den 14 Sekunden schaffen, die das Aufsteigen aus 30 Metern Tiefe dauert". In Deutschland wird vorläufig noch im „Fünf-Meter-Topf" trainiert, aber ein 30-Meter-Topf „Made in England" ist bereits in Kiel im Bau. Als Beispiel dafür, was der menschliche Körper vertragt, zitiert Dr. Seemann einen sensationellen Versuch in den USA: Dort sind Matrosen aus 92 Metern Tiefe in 23 Sekunden „ausgestiegen", sicherheitshalber noch mit einer Schwimmweste versehen.

„Klarmachen zum Auftauchen", ertönt des Kapitänleutnants Stimme aus dem Sprachrohr, Wenige Minuten später schaukelt die „Hai`' ', wieder auf den Ostseewellen. Der Befehl „Fünf Minuten Rauchpause" treibt 14 Mann nach oben in die schmale Wanne, während Voß mit dem Kommandanten des Zerstörers im NATO-Code die Erfahrungen des Katz-und-Maus-Spiel: austauscht. Es werden noch mehrere „Anläufe" geübt, dann sagt Voß zum Funkmaaten: „Funker Sie mal hinüber, daß wir nicht mehr mitspielen, wir machen Mittagspause und gehen dann auf Grund."

Kurz darauf zeigen die Tiefenmesser 18 Meter an, auch der Schleichmotor ist verstummt. In der engen Röhre des Bugraums - 1,80 Meter Durchmesser - ist die Stille einer anderen Welt eingekehrt. Nach einer halben Stunde tropft das Kondenswasser von den Wänden. Durcheinandergewürfelt sitzen Offiziere and Mannschaften an dem schmalen Klapptisch and löffeln Spinat mit Ei. Der Verkehrston ist legerer als sonstwo bei der Bundeswehr; jeder weiß in dieser engen, schwitzenden Rohre, daß er im Ernstfall auf den anderen angewiesen ist and daß mit Strammstehen hier nichts erreicht wird.

U-Boot-Kommandant war Voß, heute 38 Jahre alt, schon im letzten Weltkrieg -- mit Einsatz bis in der Karibischen See. Was er versenkt hat, verschweigt er aus NATO-Höflichkeit: „Da schreiben Sie man nix von." Nach dem Krieg  studierte er in Hamburg Volkswirtschaft und leitete anschließend fünf Jahre lang ein Gemüseversandgeschäft, aber dann zog es ihn wieder als Steuermann auf einen Dreimast-Küstensegler, und ab 1957 war er wieder bei der Bundesmarine. „Für den Aufbau der U-Bootwaffe sind Boote wie das meine immer noch gut genug." Die kleinen Boote haben bisher bei allen NATO-Manövern Aufmerksamkeit erregt: "Man staunt immer, daß sie stets dort sind, wo sie sein sollen."

Voß weiß, daß sich in der U-Boot-Taktik sein seit dem Jahre 1943 eine Revolution vollzieht. „Früher war das U-Boot ein Schiff, das gelegentlich tauchte; jetzt ist es ein Unterwasserschiff das gelegentlich über Wasser fährt." Die Radartechnik treibt die U-Boote unters Wasser. Das Sehrohr wird daher auf Elektronik umgestellt werden müssen und man wird „den Feind aus größeren Tiefen angreifen als aus der bisherigen Sehrohrtiefe".

Die Bundesmarine baut zur Zeit zwölf U-Boote zu 350 Tonnen und drei Versuchsboote zu je 100 Tonnen. Auf der Howaldt-Werft liegt ferner ein gehobener 1500-Tonnen-Veteran aus dem letzten Weltkrieg; auch er wird Versuchen dienen. „Wir werden immer ein kleiner Haufen sein", meint Voß, „weil der Bundesmarine die schmale and flache Ostsee zugewiesen ist, wo es im Ernstfall wahrscheinlich nur den "Ameisenverkehr" mit kleinen Schiffen geben wind, die so wenig Tiefgang haben, daß wir sie gar nicht treffen." Aber das kann sich ändern, denn : „Es gibt in der Handelsmarine Erwägungen darüber, den gesamten Handelsverkehr auf den billigeren Betrieb unter Wasser zu verlegen. Dann werden wir natürlich größer."


Marinezeitung " LEINEN LOS ! "

Nummer 12 / 1959

Baden-Baden auf U-Hai

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Marinebundes

Baden-Baden auf U-Hai

Etwa 20 Baden-Badener besuchten am 7. und 8. 11. ihr Patenkind in Kiel U-„Hai". Sie erwiderten damit einen Besuch der U-Bootmannschaft in Baden-Baden (siehe LEINEN LOS Nr. 11/59, Seite 341) im vergangenen Sommer. 

Die Stadt Baden-Baden hat für U-„Hai" die Patenschaft übernommen. Auf dem Programm des Besuches stand eine Fahrt mit U-"Hai" und Minensuchboot "Göttingen" ums Feuerschiff und eine Kranzniederlegung in Laboe. 

Das Foto Magnussen zeigt einen Teil der Baden-Badener Gäste auf dem Kommandoturm von U-"Hai".

Drei der Gäste aus Baden-Baden ahnten beim Ablegen des U-Bootes "Hai" noch nicht, dass sie kurze Zeit später ihrem Herkommen alle Ehre machen würden: sie gingen bei einem Schlauchbootmanöver beim Übersetzen vom Minensuchboot "Göttingen" auf U-"Hai" nämlich baden, als sie beim Anlegen an U-"Hai" über das Achterteil des Schlauchbootes ins reichlich kühle Nass rutschten.

 


Bild unten: Die Besatzung des Unterseebootes "Hai" beim Besuch in der Patenstadt Baden-Baden.

Baden-Baden auf U-Hai

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Marinezeitung "LEINEN LOS !"

Nummer 3 / Seite 83, März 1960

Spinat mit Ei auf dem Meeresgrund

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Marinebundes

Zwei Boote stark ist die U-Bootwaffe der Bundesmarine, "U-Hai" und "U-Hecht", je 250 t groß, nehmen sich neben den Zerstörern der Marine klein and winzig aus. Wie klein die beiden Boote sind, das weiß die Besatzung am besten. Knapp zwei Meter hoch, zwei Meter breit und etwa sieben Meter lang ist der einzige Aufenthaltsraum an Bord, der gleichzeitig als Schlafsaal, Essraum and Unterhaltungszimmer für die 19köpfige Besatzung - drei Offiziere, zwei Oberbootsmänner, sieben Maate and sieben Mann - dient. Der Schlafplatz des Kommandanten ist um nichts breiter oder bequemer als der des jüngsten Matrosen. In der gleichen engen, mit Leitungen und Hähnen vollgestopften Röhre ist auch die Kombüse sowie die beiden Torpedorohre untergebracht. Man sollte meinen, niemand dränge sich danach, unter derartigen Bedingungen zur See zu fahren. Aber jeder auf einem U-Boot hat sich freiwillig dazu gemeldet, und keiner, der es endlich geschafft hat, möchte mit irgendeinem Angehörigen der übrigen Marine, des Heeres oder der Luftwaffe tauschen. 

Ist das für den Außenstehenden verwunderlich, so ist doch die Tatsache, dass U-Hai und U-Hecht heute 15 Jahre alt sind und beide rund zehn Jahre - von 1945 bis 1955 - bei Skagen auf Grund gelegen haben, noch verwunderlicher. Die Boote gehören zum Typ XXIII, der 1944 entwickelt und besonders für den küstennahen Einsatz vor der britischen Küste konstruiert wurde. Nach der Kapitulation von ihrer Besatzung versenkt, wurden beide Boote zehn Jahre später gehoben und überholt. Mit Ausnahme der Schalttafel für die Elektromaschine brauchte kein wesentlicher Tell erneuert zu werden. Die Ölbunker waren ausgelaufen und hatten alle Gegenstände in den U-Booten mit einer konservierenden Ölschicht überzogen. Die Renovierung kostete pro Boot rund 2,5 Millionen, ein Neubau des gleichen Typs hatte 18 Millionen gekostet.

Spinat mit Ei
"Wenn es oben stürmt und ungemütlich ist, dann lässt der Kommandant zum Mittagessen tauchen und das Boot auf dem Meeresgrund ruhen. In völliger Ruhe und unbehelligt von Wellengang gibt es dann Spinat mit Ei."

Wenn auch heute bereits Atom- unterseeboote Dauerfahrten unter Wasser durchführen und dabei schneller sind als bei Überwasserfahrt, so sind doch die beiden deutschen Boote in ihrer Klasse noch keineswegs "altes Eisen". Ihre 25 Millimeter starke Stahlhaut verträgt noch immer einen Wasserdruck, wie er in über 200 m Tiefe herrscht, und ein Schnorchel gestattet unbeschränkte Unterwasserfahrt.

Drei Ölbunker mit je 20 t und 360 Liter Trinkwasser geben den beiden Booten die Möglichkeit, ohne Halt bis nach Amerika zu fahren. Aber so weit gespannt sind die Ziele der Bundesmarine nicht. Meistens proben "U-Hai" und "U-Hecht" zusammen mit Zerstörern and U-Bootjägern das Orten von Unterwasserzielen. Die Überwasser- schiffe müssen dabei mit ihren akustischen Suchgeräten das getaucht fahrende U-Boot aufspüren. Die U-Boote können dabei dank der modernen Technik die Impulse der Suchschiffe stören, oder mit gleicher Frequenz Tonimpulse ausstrahlen, so dass die Geräte der U-Jäger gestört werden. Die U-Boot-Taktik des letzten Krieges, die den massierten Angriff von U-Booten meistens über Wasser zur Nachtzeit, oder allenfalls in Seerohrtiefe (bis 15 Meter Tiefe) vorsah, ist heute durch Radar und weiter entwickelte Unterwasserortung überholt. Die Konsequenz daraus sind Boote, die überwiegend unter Wasser fahren und aus Tiefen unter 40 Meter angreifen können. Aus dem U-Boot, das zwar auch tauchen konnte, aber streng genommen doch ein Überwasserschiff und in seiner Tauchdauer beschränkt war, ist heute ein wirkliches Tauchboot geworden, das seine höchste Leistungskraft und Geschwindigkeit erst unter Wasser erreicht. Schon in den Booten vom Typ XXIII deutete sich diese Entwicklung an, denn "U-Hai" und "U-Hecht" sind unter Wasser schneller als an der Oberfläche. 

Dennoch sind die beiden Fahrzeuge heute keine Kampf-, sondern nur Schulboote. Die moderne U-Boot-Taktik fordert, dass an die Stelle des Sehrohrs als Sichtmittel die Elektronik tritt, mit deren Hilfe ein gezielter Torpedoschuss auch aus größeren Tiefen möglich ist. Für den Einbau derartiger Geräte ist auf den bei 250-Tonnen-Booten kein Platz mehr. 

Ein U-Bootfahrer muss manche Härte in Kauf nehmen, die ein gewöhnlicher Matrose nicht kennt, aber er hat dafür auch - abgesehen von der Tauchzulage von 173 DM monatlich - manches, das spezifisch U-Bootisch ist. Wenn es oben stürmt und ungemütlich ist, dann lässt der Kommandant zum Mittagessen tauchen und das Boot auf dem Meeresgrund ruhen. In völliger Ruhe und unbehelligt von Wellengang gibt es dann Spinat mit Ei.


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