Der Mann, der 13 Stunden im eiskalten Wasser überlebte

Aus: "profil" Nr. 03 / 2012 vom 05.09.2012 Seite: 78,79
Redaktion: Tina Goebel
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der profil Redaktion GmbH, A-1020 Wien, Taborstrasse 1-3"


Dem Geschrei von Möwen verdankt der heute 69-jährige Pensionist Peter Silbernagel sein Leben. Es war der 14. September 1966, als das U-Boot der deutschen Bundesmarine, auf dem Silbernagel diente, havarierte und sank. Silbernagel war das einzige von zwanzig Besatzungsmitgliedern, das dieses Unglück überlebte. Dreizehn Stunden trieb der Mann in der eiskalten Nordsee, bevor ihn die Besatzung eines englischen Schiffstrawlers fand. "Die Möwen haben wohl schon gewartet, dass ich aufgebe. Es herrschte ein wilder Seegang mit so hohen Wellen, dass die Sicht auf fünfzehn Meter beschränkt war. Ohne das Geschrei der Vögel wäre ich wohl nicht gefunden worden“, erzählt der ehemalige Seemann.

Das U-Boot "Hai“, auf dem der damals 23-jährige Silbernagel diente, sowie dessen Schwesterschiff "Hecht“ und einige Begleitboote waren auf dem Weg von Deutschland nach Schottland, um eine Art Belohnungsfahrt zu starten. Einmal im Jahr durfte die Besatzung an einigen Häfen länger anlegen, um dort an einem Unterhaltungsprogramm teilzunehmen, das extra für die Matrosen gestaltet wurde. Doch so weit kam es nicht.

Ein heftiger Sturm zog auf, was für U-Boote im Regelfall kein Problem darstellt, da sie einfach abtauchen können. So entschied auch der Kapitän der "Hai“ an diesem verhängnisvollen Tag, um 18 Uhr abzutauchen, um das Abendessen in Ruhe unter Wasser einnehmen zu können. Als das U-Boot eine Stunde später wieder auftauchen wollte, geschah das Unglück.

Die "Hai“ und die "Hecht“ waren bereits im Zweiten Weltkrieg im Einsatz gewesen und am Ende des Kriegs von der eigenen Mannschaft versenkt worden. Zehn Jahre später wurden die Schiffe geborgen, um sie als Schulschiffe einsetzen zu können. Sogar die Maschinen liefen noch einige Jahre, mussten jedoch danach völlig ausgetauscht werden. Zu diesem Zweck muss das gesamte U-Boot auseinandergeschnitten werden. Bei diesen Wartungsarbeiten musste ein Missgeschick passiert sein, das schließlich die Tragödie auslöste.

Durch eine undichte Stelle war bereits Wasser in das U-Boot eingelaufen, die Besatzung bemerkte dies erst beim Aufstieg, da sich das Wasser unter den Bodenplatten gesammelt hatte. Grundsätzlich wäre dies alleine keine Katastrophe gewesen, das U-Boot hätte einfach wieder abtauchen und das Wasser abgepumpt werden können. Der Kapitän dachte jedoch, die "Hai“ sei leckgeschlagen, und gab sofort den Befehl: "Alle Mann von Bord!“

Danach ging alles ziemlich schnell. "Wir standen alle an Deck und warteten ab, dann kam eine riesige Welle und warf uns von Bord. Da der Turm offen war, drang sofort viel Wasser in den Innenraum ein. Ich sah nur noch, dass die ‚Hai‘ kopfüber im Wasser hing, danach sank sie wie ein Stein“, erinnert sich Silbernagel. Sechs oder sieben Mann schafften es gar nicht mehr aus dem U-Boot, sie gingen mit ihm unter.

Silbernagel und seine Kollegen hatten zwar so genannte Tauchhelfer, mit denen sogar unter Wasser bis zu zwanzig Minuten geatmet werden kann und die auch als Schwimmhilfe dienen, es war jedoch trotzdem anstrengend, sich bei dem Sturm über Wasser zu halten. Jeder für sich musste gegen die tobende See kämpfen. Vier Stunden ging dies gut, danach musste Silbernagel miterleben, wie einer nach dem anderen in dem zwölf Grad kalten Wasser langsam erfror.

"Ich habe meine Kollegen noch zusammengebunden, wollte aber nicht bei ihnen bleiben, es war kein schöner Anblick. Ich schwamm davon“, berichtet der Pensionist. Wie er überhaupt überleben konnte, verstand keiner der Ärzte, die ihn untersuchten (siehe Kasten). Noch dazu war er weit geschwommen, hatte sich also ausgiebig bewegt, wodurch normalerweise noch mehr lebenswichtige Energie und Wärme verloren gehen. "Ich habe also alles falsch gemacht und trotzdem überlebt“, erklärt Silbernagel.

Er selbst ließ sich von dem Unglück übrigens nicht abschrecken: Peter Silbernagel heuerte beim Schwesterschiff "Hecht“ an und fuhr weiter zur See.

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