Hannoversche Allgemeine Zeitung

Mittwoch, 16. Dezember 1959

Enge, Mief und Rauchverbot 

U-Boot-Besatzungen der Bundesmarine leben ohne Komfort
Aber keiner von ihnen würde tauschen

Mit freundlicher Genehmigung der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung

Zweifellos bringt das Soldatenleben Härten und Unbequemlichkeiten mit sich, die einem Zivilisten Schauder des Unbehagens über den Rücken jagen, wenn er nur von ihnen hört. dennoch wird ein Soldat das Jahres 1937 das heutige Leben und Treiben in einer Kaserne mitunter mit stillem Lächeln betrachten und bei sich denken: "Na, wenn schon, aber bei uns damals . . .  !" Der Lebensstandard eines Wirtschaftswunder- volkes und auch die Tatsache, dass die gesetzliche Fundamentierung der Bundeswehr von einem Parlament gelegt wurde, das seine Kontrollfunktion über die bewaffnete macht und das Primat der Politik stets seht betonte, haben die Soldaten, haben dem Soldaten, im Vergleich zu seinem Vorgänger vor zwanzig oder gar fünfzig Jahren, mancherlei Komfort eingebracht. Eine Ausnahme von dieser Regel gibt es aber ganz bestimmt: die Männer, die auf den U-Booten der Bundesmarine "Hai" und "Hecht" fahren. Ob sie deswegen von irgendeinem Angehörigen von Marine, Heer oder Luftwaffe tauschen würden - wenn sie könnten -, ist dennoch oder gerade deshalb, mehr als zweifelhaft.

U-Hai Turm
Bei Überwasserfahrt ragt der Turm des U-Bootes aus dem Wasser, ständig besetzt von Rauchhungrigen. Photo: Viola Hauschild

"Das ist'n Boot für Verbrecher oder Idioten", sagt der Kommandant von U-Hai", Kapitänleutnant Voß, auf dem schmalen Turm seines 205-t-Bootes. Aus dem Munde des 38jährigen Holsteiners, der von den blauen Augen bis zum breiten Klang seines heimatlichen Idioms genau so wirkt, wie man sich einen Seemann vorstellt, klingt diese Feststellung allerdings, als ob er sagen würde: "Was bin ich froh, dass ich hier bin." Und genau so meint er es auch, trotz der nur zwei Meter breiten, zwei Meter hohen und gut sieben Meter langen Röhre, die 19 Menschen als Schlaf-, Ess- und Aufenthaltsraum dienen, von deren Wänden ständig Kondenswasser tropft, in der winters knapp 6 Grad und sommers mitunter mehr als 28 Grad Temperatur herrschen, die niemals richtig durchlüftet werden kann und in der Dünste der noch nicht einmal einen Quadratmeter großen Kombüse, des Dieselmotors und der Menschen einen undefinierbaren, eben den U-Boot-Mief bilden. Wie Kapitänleutnant Voß, denkt seine Besatzung. Zwei Offiziere, zwei Oberbootsmänner (Oberfeldwebel) sieben Maate (Unteroffiziere) und sieben Matrosendienstgrade.

U-Hai Kommandant
Der Kommandant von U-"Hai", Kapitänleutnant Voß am Sehrohr. Er trägt über mehreren Schichten Wellzeug die gleiche Lederkluft wie jeder an Bord. Nur die weiße Mütze weist ihn als "den Alten" aus. Photo: Viola Hauschild

Sie alle sind auf dem U-Boot, weil sie sich freiwillig dazu gemeldet haben. Die Kommandanten der beiden vorerst einzigen U-Boote der Bundesmarine, die Leitenden Ingenieure, die Obersteuer- männer und die Obermaschinisten sind alle schon im Krieg U-Boot gefahren. Auf die Frage, wie viele Schiffe er denn versenkt habe, sagte Kapitänleutnant Voß: "Och nee, davon schreiben sie man nix." Nach dem Kriege studierte er Volkswirtschaft und war dann Geschäftsführer einer Sauerkrautfabrik und eines Gemüse-Großversands. Noch vor dem Eintritt in die Bundesmarine fuhr er wieder zur See, ale 1. Steuermann auf einem Dreimastschoner, der zwischen Deutschland, England, Norwegen, Schweden und Finnland verkehrte.

Schon immer war die Marine "ein Verein für sich", relativ klein, in dem, jeder jeden kannte. Ganz besonders gilt dies für die U-Boot-Fahrer. Sind schon die Gebräuche der gewöhnlichen Seefahrer für den schlichten Landbewohner voller Geheimnisse, so scheinen die Riten der U-Bootleute auf den ersten Buck vollends unenträtselbar. Bei näherem Zusehen kommt man aber bald dahinter, dass manches aus der Enge des Raumes erklärbar ist. Steigt ein Mann von der Brücke ins Bootsinnere, so muss er dabei unentwegt "abwärts" rufen - damit die unten Bescheid wissen und er niemanden auf den Kopf tritt. Der umgekehrte Weg auf der senkrechten Leiter ist analog mit "aufwarts"-Rufen verbunden. Daraus hat sich ergeben, dass man beim Weiterreichen des gefüllten Tellers während des Mittagessens an den schmalen Tischen des Bugraumes "durchwärts" ruft, his der Teller am Ende der Tafel angelangt ist.
Eines der kostbarsten Dinge überhaupt auf einem U-Boot ist die Luft zum Atmen. Die Entwicklung geht immer mehr zum reinen Tauchboot, das nur unter Wasser fährt. Diese Art der Fortbewegung war noch im letzten Krieg die Ausnahme, und Boote sowie Maschinen waren letztlich für die Überwasserfahrt konstruiert. Je mehr ein Fahrzeug aber von der mitgeführten Luft abhängig ist, desto wertvoller wird auch. Rauchen im Boot war und ist daher auf U-Booten streng verboten. Denn Rauchen verdirbt die knappe Luft noch mehr. Gesmokt werden darf nur auf der Brücke. Fährt das U-Boot über Wasser schallt daher in regelmäßigen Abständen aus dem Inneren ständig: "Frage - ein Mann Brücke?". Wo sich vier Mann schon die Ellbogen gegenseitig in die Rippen stoßen, stehen auf den beiden kleinen Booten der Bundesmarine mitunter zehn Männer, die Wind und überkommende Seen in Kauf nehmen, weil sie sich ein "Stäbchen zwischen die Lippen schieben" können.

Das Zusammenleben auf engstem Raum and unter härtesten Bedingungen schafft die besondere U-Boot-Atmosphäre. Der Kommandant lebt nicht einen Deut anders als der jüngste Matrosengefreite. In der Marine gibt es einen Spruch: "Kannst du etwas nicht begreifen, so merk', es geht nach Ärmelstreifen." Für die U-Boote gilt das nicht. Das Dasein in ständiger Tuchfühlung verhindert die Existenz von Überlegenheits- und Unterlegenheits- komplexen gleichermaßen. Hier zählt nicht der Dienstgrad allein sondern mindestens ebenso stark das persönliche Format.

U-Hai Bugraum
Das ist der einzige Platz im U-Boot, wo man auch einmal sitzen kann. Auf unserem Bild ist der Bugraum gerade als "Speisesaal" hergerichtet. Die Sitzgelegenheiten dienen auch zum Schlafen. Photo: Viola Hauschild

Hat so eine, bei nur zwei U-Booten nicht allzu schwierige, Personalauswahl die Existenz von internen Schwierigkeiten verhindern können, die Probleme, die das Fahren unter Wasser heute aufwerfen, können nicht so leicht gelöst werden. Zwar sind auf den Seekarten vor und in der Eckernförder Bucht und an anderen Stellen "Tauchquadrate" vermerkt. So gewalttätig ist die Bundesmarine nun aber auch wieder nicht, dass sie die ihrem Erwerb nachgehenden Fischer aus diesen Gebieten vertreiben würde. Ein U-Bootskommandant muss daher unter Wasser das Periskop seines Sehrohrs nicht nur auf die U-Jäger oder Zerstörer richten, die sein Fahrzeug mit Unterwasserhorch- oder Sonargeräten aufspüren sollen, sondern auch auf Fischkutter, die vielleicht in der Gegend umherkreuzen und die See nach Fischen absuchen, ohne dabei darauf gefasst zu sein, plötzlich ein U-Boot in ihrem Schleppnetz zu finden. Da die Schifffahrt in Ost- und Nordsee noch immer an die sogenannten Zwangswege gebunden ist, außerhalb derer - mehr als 14 Jahre nach Kriegsende - Minen lauern können, sind diese Schwierigkeiten nicht zu gering einzuschätzen. Auch ein U-Boot kann nicht nach freiem Ermessen irgendwo umhertauchen. Einen Begriff davon gibt die Eintragung im Logbuch des U-"Hai" vom September: "7 Uhr Auslaufen von Cuxhaven. - 8:15 Uhr Bäderdampfer "Alte Liebe" kreuzt unvorschriftsmäßig meinen Kurs and zwingt zum Stoppen und Auftauchen".

Ist es schon verwunderlich, dass Menschen überhaupt in solcher Enge leben können, wie sie auf U-„Hai" und „Hecht" - beide gleich klein - herrschen, so ist noch verwunderlicher, dass beide Boote 1944 gebaut, 1945 versenkt wurden und länger als 10 Jahre bei Skagen unter Wasser lagen, bevor sie gehoben und instand gesetzt wurden.

Außer den Schalttafeln für die Elektromaschinen ist kein Teil erneuert worden. Nach gründlicher Überholung auf der Werft hält die Außenhaut, l3 Millimeter stark, noch immer einem Wasserdruck stand, wie er in Tiefen über 200 Meter Tiefe herrscht. Widersteht das Material trotz seines Alters noch heute noch allen Belastungen die im letzten Krieg entwickelten Taktiken des U-Boot-Krieges tun es nicht mehr. Griffen damals die U-Boote im "Wolfsrudel" meist während der Nacht and über Wasser die Geleitzüge an, so hat sie die Radartechnik inzwischen längst - wie in den letzten beiden Kriegsjahren - unter Wasser gezwungen. An die Stelle des massierten Angriffes über Wasser oder aus Sehrohrtiefe (acht bis fünfzehn Meter) würde in Zukunft der Angriff von einzelfahrenden Booten aus Tiefen von mehr als 40 Meter treten. Torpedos, die sich ihr Ziel selbst suchen and elektronische Geräte zur Feind- erkennung auch unter Wasser würden dabei helfen. Mit Fahrzeugen wie U-„Hai" and „Hecht" wäre dabei allerdings kaum mehr etwas auszurichten. Sie sind heute nicht mehr Kampf-, sondern nur noch Schulungsboote.

Nach den gegenwärtigen Planungen soll die Bundesmarine einmal über 12 moderne U-Boote von je 350 t verfügen. Die ständig davongaloppierende Technik hat aber auch dieses Planungsziel in Frage gestellt.

Ein Mann der mit den Schwierigkeiten fertig geworden ist die ein U-"Hai" oder "Hecht" aufzuweisen haben, wird sich auch auf einem modernen Unterwasserfahrzeug zurechtfinden, wo es mitunter schon Rauchsalon and Kinoraum gibt, wie auf den neuen US-Booten. Trotz derartiger Annehmlichkeiten wird aber immer ein Rest bleiben, der einmalig ist und das U-Boot Bewusstsein lebendig halten wird. Dieser Geist kommt am besten in der (wahren) Geschichte von dem jungen Oberleutnant zum Ausdruck, der eben sein erstes Kommando auf einem U-Boot erhalten hatte. Er lief während der ersten Jahre des Krieges mit seinem Boot von Wilhelmshaven aus und begegnete auf Reede dem riesigen Schlachtschiff "Bismarck". Als er mit seiner winzigen Nussschale an dem "Dickschipp" vorbeilief, ließ er hinübersignalsieren: "Kommandant an Kommandant - Meine Güte, was haben Sie für ein schönes Schiff." Der Kommandant der „Bismarck" (immerhin ein Kapitän z.S., Oberst), entrüstete sich ob der Formlosigkeit solcher Feststellung und begehrte durch Blinkspruch den Namen des U-Boot-Kommandanten. Der junge Oberleutnant blinkte nun: "Grüß Gott, können Sie das auch?" - und verschwand mit seinem Boot unter Wasser.

Hans Heine

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